Psychotherapieplatzsuche: Schritt 1


Am 28. Oktober 2018 leiteten wir unsere Beitragsserie Psychotherapieplatzsuche – eine kleine Einführung in 3 Schritten ein. Schritt 1 soll nun einen Überblick über die verschiedenen Psychotherapieformen geben. Schritt zwei (erscheint am 06. Januar 2019) thematisiert die psychotherapeutische Versorgungslandschaft und Schritt drei (erscheint am 17. Februar 2019) beschäftigt sich mit der Vorbereitung auf die erste Psychotherapiesitzung. Viel Spaß beim Lesen von Schritt 1!


Bild: S. Kim - Ijmuiden, Niederlande

Erinnern Sie sich noch an Sandra Winter? In unserem Beitrag Vor dem ersten Schritt: Eine Einleitung zur Therapieplatzsuche sollte am Beispiel Sandra Winters veranschaulicht werden, inwieweit bestimmte Lebensumstände Einfluss auf die Entwicklung eines depressiven Syndroms mit Suizidgedanken nehmen können (Selbsttest). Sie entschließt sich nachts dazu, die zentrale Notaufnahme eines Klinikums aufzusuchen. Eine Psychiaterin stellt den Verdacht auf eine schwere depressive Episode (Diagnosekriterien) und bietet ihr eine stationäre Aufnahme an. Die Hilfesuchende entscheidet sich gegen eine stationäre Aufnahme und bekommt einen zeitnahen Notfalltermin in der psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) des Klinikums. Nach einer ambulanten Krisenintervention, Stabilisierung, erweiterten Diagnostik und Beratung in der psychiatrischen Institutsambulanz fasst sie den Entschluss, eine ambulante Psychotherapie zu beginnen. Doch welche Psychotherapie ist die richtige für Sandra Winter? Die Psychologin in der PIA beantwortet weitestmöglich die Fragen der Betroffenen und skizziert die verschiedenen Psychotherapieformen:


...der Gesundheitszustand bei 8 von 10 Menschen verbessert sich durch Psychotherapie.

Psychotherapie ist wirksam, was durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt ist. Vereinfacht lässt sich feststellen, dass sich der Gesundheitszustand bei 8 von 10 Menschen, die eine Psychotherapie absolvieren, im Durchschnitt stärker verbessert als bei Menschen, die keine Psychotherapie machen. Im Vergleich ist Psychotherapie wirksamer als viele Behandlungsmethoden von körperlichen Erkrankungen. Auch nach dem Therapieende halten erzielte Behandlungserfolge zumeist lange an. Die Bundespsychotherapeutenkammer weist darauf hin, dass wie auch bei der Behandlung von körperlichen Erkrankungen Psychotherapie jedoch nicht bei allen PatientInnen wirkt. 5 bis 10 Prozent der PatientInnen könne es nach einer Therapie schlechter gehen als vorher. Aus diesem Grunde sollten Zweifel an der Wirksamkeit der Therapie und jede Verschlechterung des Gesundheitszustandes offen mit der Psychotherapeutin/dem Psychotherapeuten besprochen werden können.

Einige Psychotherapieformen haben sich in verschiedenen Studien als wirksam erwiesen. Die gesetzlichen Krankenkassen tragen bisher die Kosten für folgende Psychotherapieformen:

Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass bestimmte Denkmuster („Meine Chefin hat mich wieder nicht einmal angelächelt, also ist sie mit meiner Arbeit unzufrieden“), Verhaltensweisen (z.B. Vermeidungsstrategien) und der Umgang mit Gefühlen (z.B. Alkoholkonsum bei dem Gefühl innerer Leere) im Laufe des Lebens erlernt werden. Sind belastende Erfahrungen zu groß oder werden grundlegende Bedürfnisse längerfristig nicht beachtet (s. auch Maslowsche Bedürfnispyramide), können psychische Störungen entstehen. Denkmuster, Verhaltensweisen und der Umgang mit Gefühlen können im Rahmen einer Verhaltenstherapie verändert bzw. neu erlernt werden. Leidesdruck, Belastungsfaktoren, Bedürfnisse und Ziele stehen dabei im Fokus und werden in einen mit der Therapeutin/dem Therapeuten gemeinsam erstellten Behandlungsplan aufgenommen. Bisherige Annahmen darüber, was infolge bestimmter Verhaltensmuster passieren könnte, werden hinterfragt und ggf. durch neue Verhaltens- und Denkmuster ersetzt. Eine aktive Mitarbeit ist dabei sehr hilfreich. So werden z.B. bestimmte Verhaltensmuster, Denkmuster und Entspannungsverfahren zwischen den Sitzungen erprobt. Bei der Verhaltenstherapie sitzen Sie der Therapeutin/dem Therapeuten gegenüber. Die Therapiesitzungen finden in der Regel einmal wöchentlich statt. Die Behandlungsdauer reicht in vielen Fällen von einem halben bis zu einem Jahr.



Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie geht davon aus, dass unbewusste, ungelöste, verdrängte Konflikte aus früheren Lebensphasen durch bestimmte Ereignisse im Verlaufe des Lebens immer wieder reaktiviert werden und so psychisches Leiden verursachen können. Beziehungsmuster in Kindheit und Adoleszenz haben dabei einen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir Beziehungen im Erwachsenenalter gestalten und erleben. Schmerzliche, belastende Erfahrungen, die wir zum Selbstschutz verdrängt haben, prägen, wie wir denken, fühlen und handeln. In einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie sollen diese Konflikte mit psychotherapeutischer Hilfe identifiziert und in Beziehung zu aktuellen Problemen, Gefühlen und Beziehungsmustern gesetzt werden, um mögliche Lösungen erarbeiten zu können. Bei der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie sitzen Sie der Therapeutin/dem Therapeuten gegenüber. Die Therapiesitzungen finden in der Regel ein bis zweimal wöchentlich statt. Die Behandlungsdauer reicht in vielen Fällen von einem halben Jahr bis zu 2 Jahren.



Die analytische Psychotherapie fundiert auf der vom österreichischen Nervenarzt Sigmund Freud Ende des 19. Jahrhunderts begründeten Psychoanalyse. Auch bei der ältesten der in diesem Beitrag vorgestellten Psychotherapieform nehmen die verdrängten, inneren Konflikte eine zentrale Rolle ein. Obwohl die zumeist aus Kindheit und Adoleszenz stammenden Konflikte „erfolgreich“ aus der bewussten Wahrnehmung verdrängt worden sind, haben sie einen entscheidenden Einfluss auf unser Denken, Handeln und Fühlen. Ohne Bewertung des Gesagten kann man der Therapeutin/dem Therapeuten beschreiben, was einem gerade in den Sinn kommt. In die Analyse der Therapeutin/des Therapeuten fließen die Art und Weise ein, wie man die Beziehung zur Therapeutin/zum Therapeutin gestaltet, die als bisheriges Muster der allgemeinen Beziehungsgestaltung dienen kann. Während einer Therapiesitzung liegt man auf einer Couch und hat nur eingeschränkten Blickkontakt zur Therapeutin/zum Therapeuten. Die Therapiesitzungen finden in der Regel zwei- bis dreimal wöchentlich statt. Die Behandlungsdauer reich in vielen Fällen von zwei bis zu mehreren Jahren.


Eine weitere von den Krankenkassen getragene Therapieform stellt die sogenannte neuropsychologische Therapie dar, die auf die Behandlung organisch bedingter psychischer Störungen fokussiert. Das durch eine Hirnverletzung bzw. -Schädigung (Kopfverletzung nach Verkehrsunfall, Schlaganfall, Hirnmetastasen bei Krebserkrankung) entstandene psychische Leiden soll durch eine neuropsychologische Therapie gemindert werden. Betroffene sollen dazu befähigt werden, die erfahrenen Einschränkungen weitestmöglich ausgleichen zu können. Klinische NeuropsychologInnen haben eine zusätzliche Weiterbildung absolviert.


Hinweis aus der Praxis: Eine gute Psychotherapie beinhaltet oft auch nützliche Elemente unterschiedlicher Psychotherapieformen, z.B.  kann eine gute tiefenpsychologisch fundierte Therapie auch verhaltenstherapeutische Techniken beinhalten und umgekehrt.

Studien bescheinigen auch der systemischen Therapie eine Wirksamkeit. Gesetzliche Krankenkassen tragen bisher keine Kosten für eine systemische Therapie, wenn sie von niedergelassenen PsychotherapeutInnen durchgeführt werden. Laut Pressemitteilung des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vom 22. November 2018 wurden Nutzen und medizinische Notwendigkeit der systemischen Therapie bei Erwachsenen anerkannt. Der gemeinsame Bundesausschuss bestimmt im Auftrag des Gesetzgebers, welche medizinischen Leistungen durch die gesetzliche Krankenversicherung getragen werden. Vor allem familiäre Beziehungsmuster können eine Ursache für psychisches Leiden sein. Nicht selten werden Partner oder Eltern in die Therapie einbezogen. Dabei werden auch die Stärken der einzelnen Beziehungen herausgearbeitet und für Lösungen herangezogen. Die Behandlungsdauer beträgt in vielen Fällen bis zu 25 Sitzungen.

Anbei noch weitere multimediale Informationen zu den drei von den Krankenkassen getragenen Psychotherapieformen (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie, analytische Psychotherapie) sowie zu weiteren verwandten  Themen:

  • Hier ein sehr verständliches Video zu den verschiedenen Psychotherapieformen von Planet-Schule für Schüler gefertigt.

  • Hier ein Video zum Unterschied zwischen Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Wir danken Alex von Empalogics.

  • Eine Animation zur Psychoanalyse vom Institute of Psychoanalysis der Britisch Psychoanalytical Society (ehemalige Mitglieder u.a. Melanie Klein, Donald Winnicott)

  • Schließlich ein weiterer empfehlenswerter Comic zum Thema Psychotherapie: "Couch Fiction: Wie eine Psychotherapie funktioniert" von Philippa Perry.

  • Da das Beispiel der Depression erwähnt wurde, hier ein Kinospot von psychenet.de und ein weiterer Buchtipp zum Thema Depression: "Mein schwarzer Hund" von Matthew Johnstone. Anbei ein kurzes Video zum Buch.


Quellen

  1. Flyer Psychotherapie der Suchtambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf: Informationen zur Psychotherapie zusammengestellt von Dipl. Psych. S. Schubert-Heukeshoven, überarbeitet von Michelle Kraft M. Sc. für die Suchtambulanz des UKE. Stand: August 2017

  2. Bundespsychotherapeuten Kammer Patientenbroschüre

  3. Eingebettete Videos: Julia Lebenswelt (YouTube/Blog)

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