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Melanie Klein: Die Pionierin der Kinderpsychoanalyse

In diesem Artikel richten wir das Scheinwerferlicht auf eine Frau, die als Titanin der Psychoanalyse gilt. Mit gerade einmal 32 Jahren schlug Melanie Klein nicht nur einen Weg in die psychoanalytische Gemeinde ein, sondern etablierte sich rasch als Wegbereiterin auf dem Gebiet der Kinderanalyse. Mit unermüdlichem Forschergeist und innovativen Methoden öffnete sie ein neues Kapitel in der Theorie der Psychoanalyse, was ihr allerdings eine kontroverse Stellung innerhalb des Freud’schen Erbes einbrachte. Tauchen Sie mit uns ein in die faszinierende Geschichte dieser intellektuellen Gigantin und entdecken Sie die Spannungen und Triumphe ihrer außergewöhnlichen Laufbahn. Viel Vergnügen bei der Lektüre!


Melanie Klein 1952, Wiki Commons

Am 22. September 2022 jährte sich zum 50. Mal der Todestag von Melanie Klein, einer Frau, die als „Mutter der Kinderpsychoanalyse“ gilt und deren Werk bis heute tiefgreifenden Einfluss auf die Psychoanalyse ausübt. Ihre Theorien zur frühkindlichen Entwicklung und zur Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung haben die Grundfesten der Psychologie bereichert und gleichzeitig herausgefordert.


In Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts in eine jüdische Familie hineingeboren, zeichnete sich Kleins Weg nicht sofort durch Wissenschaft aus. Die finanziellen Mittel flossen in die Ausbildung ihres Bruders, während sie selbst in eine Ehe mit dem Chemiker Arthur Klein gedrängt wurde, aus der drei Kinder hervorgingen.


Doch Melanie Kleins unstillbarer Durst nach Wissen ließ sich durch gesellschaftliche Konventionen nicht beirren. Ihre Begegnung mit den Schriften Freuds und ihre eigene Analyse bei Sándor Ferenczi markierten den Beginn einer außergewöhnlichen Karriere. Ihre tiefe intellektuelle Verbindung zu den Werken Freuds brachte sie dazu, auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Budapest aufzutreten und dort Freud selbst zu begegnen. Dieser Kontakt und die anschließende Lehranalyse bei Karl Abraham in Berlin ebneten den Weg für ihre bahnbrechenden Theorien.


Sigmund Freud, A Brill, Ernest Jones, Sandor Ferenczi, Carl Gustav Jung and G. Stanley Hall, in Worcester, Massachusetts, 1909

Melanie Klein wagte es, den etablierten Theorien Sigmund Freuds neue Perspektiven hinzuzufügen, indem sie den ödipalen Konflikt in die frühesten Stadien der Kindheit verlegte und die zentrale Rolle der Mutter in der emotionalen Entwicklung des Kindes betonte. Ihre Objektbeziehungstheorie revolutionierte das Verständnis der prägenden Jahre des menschlichen Lebens.


Klein sah das Kind nicht als passiven Empfänger mütterlicher Fürsorge, sondern als aktiven Teilnehmer in einer komplexen Beziehungsdynamik.

Klein sah das Kind nicht als passiven Empfänger mütterlicher Fürsorge, sondern als aktiven Teilnehmer in einer komplexen Beziehungsdynamik. Die kindliche Fantasie, die "gute" und "böse" Brust – Konzepte, die sie entwickelte, um das schwankende Erleben von Liebe und Hass zu beschreiben – wurden zu Eckpfeilern ihrer Objektbeziehungstheorie.


Ihre methodische Innovation, die Spieltherapie, stellte einen radikalen Bruch mit den vorherrschenden analytischen Praktiken dar. Kleins Überzeugung, dass Kinder durch Spiel und Kreativität ihre innersten Konflikte ausdrücken können, erlaubte es ihr, tiefe Einblicke in die kindliche Psyche zu gewinnen. Ihre Beobachtungen, zuerst an ihren eigenen Kindern, führten zu Erkenntnissen, die die psychoanalytische Praxis nachhaltig veränderten.


Der Widerstand gegen ihre Ideen war heftig und persönlich, insbesondere von Seiten Anna Freuds, der Tochter Sigmund Freuds.

Der Widerstand gegen ihre Ideen war heftig und persönlich, insbesondere von Seiten Anna Freuds, der Tochter Sigmund Freuds. Die Konflikte zwischen Klein und Anna Freud spiegelten sich in den Gräben wider, die sich durch die psychoanalytische Gemeinschaft zogen und führten zur Spaltung in verschiedene Schulen.


Trotz aller Kritik und des oft turbulenten persönlichen Lebens, einschließlich der Auflösung ihrer Ehe, blieb Klein ihrer Forschung treu. Ihre Resilienz und ihr Engagement führten dazu, dass sie 1926 nach London eingeladen wurde, wo sie letztlich zum führenden Kopf einer eigenen analytischen Schule avancierte und das renommierte Tavistock-Klinikum gründete.


Melanie Klein verstarb am 22. September 1960 in London, hinterließ jedoch ein Erbe, das die Psychologie bis heute prägt. Ihr Verständnis von frühkindlichen Emotionen und ihre Techniken der Kinderanalyse werden noch immer angewandt und diskutiert, ein Beweis für die bleibende Bedeutung ihres beispiellosen Beitrags zur Psychoanalyse.


Freud v Klein


Der Konflikt zwischen Melanie Klein und Anna Freud, zwei Gigantinnen der Psychoanalyse, gehört zu den legendärsten und folgenreichsten Auseinandersetzungen in der Geschichte der Psychologie. Ihre theoretischen Differenzen prägten die Entwicklung der Psychoanalyse, insbesondere im Bereich der Kinderpsychoanalyse, und führten zu einer tiefen Spaltung innerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft.



Anna Freud, 1957 London

Melanie Klein, die bahnbrechende Arbeit im Bereich der Kinderpsychoanalyse leistete, stand in direkter Opposition zu Anna Freud, die ihre eigenen Theorien und Techniken zur Kinderbehandlung entwickelte. Klein verlegte die Entstehung des Ödipuskomplexes und damit verbundene Ängste und Konflikte in das erste Lebensjahr, während Freud, wie ihr Vater Sigmund Freud, davon ausging, dass diese sich erst im Alter von drei bis fünf Jahren manifestierten.


Zentrale Konfliktpunkte


1. Die Rolle der Fantasie:

Melanie Klein sah die innere phantasierte Welt des Kindes als zentral für seine Entwicklung an. Sie glaubte, dass Kinder von Geburt an Fantasien haben, die tiefgreifende Auswirkungen auf ihr Verhalten und ihre Entwicklung haben. Anna Freud hingegen legte mehr Gewicht auf die realen Erlebnisse des Kindes und deren bewusste Verarbeitung.


2. Methodik:

Klein entwickelte die Technik der Spieltherapie, bei der sie Spielen als eine Form der freien Assoziation bei Kindern interpretierte. Sie glaubte, dass Kinder durch Spiel ihre innersten Gedanken und Gefühle ausdrücken. Anna Freud hingegen betonte die Bedeutung der Anpassung des Kindes an die Realität und setzte auf eine stärkere Lenkung der Therapie, um dem Kind zu helfen, mit seinen sozialen Realitäten zurechtzukommen.


3. Entwicklungsphasen:

Während Klein davon ausging, dass Kinder bereits sehr früh komplexe emotionale Zustände wie Neid und Dankbarkeit erleben, sah Anna Freud eine sequenzieller und langsamer fortschreitende emotionale Entwicklung.


4. Technische Neuerungen:

Klein führte das Konzept der projektiven Identifikation ein, ein Mechanismus, bei dem ein Individuum unbewusst Teile des Selbst auf ein anderes Objekt (z.B. eine andere Person) projiziert. Anna Freud konzentrierte sich mehr auf die Abwehrmechanismen und wie diese im Laufe der Entwicklung des Kindes entstehen und sich verändern.


Die Auseinandersetzung war so heftig, dass sie zur Bildung von separaten Schulen innerhalb der Psychoanalyse führte: die "Kleinianer" ... und die "Freudianer" ...

Der Konflikt gipfelte in den sogenannten "Controversial Discussions" während der 1940er Jahre in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft. Die Auseinandersetzung war so heftig, dass sie zur Bildung von separaten Schulen innerhalb der Psychoanalyse führte: die "Kleinianer", die Kleins Ansichten folgten, und die Anhänger Anna Freuds, die oft als "Freudianer" bezeichnet wurden.


Die Klein-Freud-Debatte zeigt, wie zwei brillante, aber unterschiedlich denkende Analytikerinnen in einer jungen wissenschaftlichen Disziplin sowohl persönliche als auch fachliche Differenzen erlebten. Beide haben trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihres Konflikts bedeutende Beiträge zur Psychoanalyse und zum Verständnis kindlicher Entwicklung geleistet. Ihre Erkenntnisse und Methoden haben die Praxis der Psychotherapie nachhaltig geprägt und werden noch heute in modifizierter Form genutzt.



Londoner Jahre


Melanie Klein zog in den 1920er Jahren nach London und hatte dort einen enormen und dauerhaften Einfluss auf die Entwicklung der Psychoanalyse, insbesondere auf die Kinderpsychoanalyse. Ihre Ankunft in London fiel zusammen mit dem Tod von Karl Abraham, einem engen Vertrauten und Mentor von ihr, sowie mit einer Zeit, in der die britische psychoanalytische Gemeinschaft offen für neue Ideen war.


In London führte Klein ihre innovativen Techniken und Theorien ein, die sie in Berlin entwickelt hatte, insbesondere ihre Arbeit über die frühen Stadien des Ödipuskomplexes und die Bedeutung der kindlichen Fantasie. Ihr Fokus auf die innerpsychische Welt des Kindes und die Anwendung der Psychoanalyse auf Kinder in sehr jungen Jahren war revolutionär.


Hier sind einige Schlüsselelemente von Kleins Rolle und Einfluss in London:


1. Etablierung der Spieltherapie:

Klein führte die Technik der Spieltherapie ein, die es ermöglichte, die unbewussten Konflikte des Kindes durch Interpretation seiner Spiele, Zeichnungen und Fantasien zu analysieren. Diese Methode wurde schnell zu einem zentralen Bestandteil der kinderpsychoanalytischen Praxis in Großbritannien und darüber hinaus.


2. Theoretische Beiträge:

Ihre theoretischen Beiträge, insbesondere ihre Ideen über die frühkindliche Psyche und die Ursprünge psychischer Konflikte, beeinflussten maßgeblich die Richtung der psychoanalytischen Theorie in Großbritannien. Klein verlagerte den Schwerpunkt von den Trieben auf die Beziehungen zwischen dem Ich und internen Objekten (innere Repräsentationen von realen Personen).


3. Ausbildung und Supervision:

Sie spielte eine zentrale Rolle in der Ausbildung von Psychoanalytikern in Großbritannien und legte großen Wert auf die persönliche Analyse von Ausbildungskandidaten, was zur Standardpraxis wurde. Ihr Einfluss erstreckte sich auf die Supervision und Weiterbildung vieler britischer Psychoanalytiker, die die "Kleinianische" Richtung der Psychoanalyse formten.


4. Einfluss auf Institutionen:

Klein war auch maßgeblich an der Entwicklung psychoanalytischer Institutionen in Großbritannien beteiligt. Ihre Arbeit und ihre Ideen hatten großen Einfluss auf die Britische Psychoanalytische Gesellschaft und die Tavistock-Klinik, ein wichtiges Zentrum für psychoanalytische Ausbildung und Praxis.


5. Kontroversen und Schulbildung:

Ihr Einfluss führte auch zu Spaltungen innerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft in Großbritannien. Die Kontroversen, die sich aus ihrem Konflikt mit Anna Freud ergaben, führten zur Bildung von verschiedenen "Schulen" innerhalb der Psychoanalyse: die Kleinianer und die Anhänger Anna Freuds. Diese Spaltungen prägten die Landschaft der Psychoanalyse in Großbritannien für viele Jahrzehnte.


6. Internationale Reichweite:

Obwohl Klein nie eine formale akademische Position innehatte (tatsächliche hatte sie nie studiert), waren ihre Lehren weitreichend und beeinflussten Psychoanalytiker weltweit. Viele ihrer Bücher und Artikel sind in verschiedene Sprachen übersetzt worden, und ihre Ideen haben die psychoanalytische Theorie und Praxis international beeinflusst.


Kleins Arbeit hat das Verständnis von kindlichen Entwicklungsprozessen vertieft und den psychoanalytischen Diskurs über die Bedeutung früher Beziehungen und interner Objekte erweitert. Ihr Vermächtnis besteht fort in den vielen Analytikern, die heute noch in ihrer Tradition arbeiten, und in den psychoanalytischen und psychotherapeutischen Konzepten, die auf ihre Ideen zurückgehen.


Schülern und Anhängern von Klein


Zu den Schülern und Anhängern von Melanie Klein gehören unter anderem:



Donald W. Winnicott




Donald W. Winnicott: Obwohl er nicht direkt als Schüler von Klein betrachtet werden kann, wurde er stark von ihren Ideen beeinflusst. Winnicott entwickelte eigene Theorien über die frühkindliche Entwicklung und prägte Konzepte wie das "Übergangsobjekt" und den "ausreichend guten" Elternteil.



Wilfred Bion






Wilfred Bion: Er erweiterte Klein's Theorie über die inneren Objekte und führte das Konzept der "Containment" ein, welches beschreibt, wie Gedanken und Gefühle zwischen Mutter und Kind sowie Analytiker und Patient aus-getauscht und verarbeitet werden.

Hanna Segal







Hanna Segal: Sie ist bekannt für ihre Arbeit zur Symbolbildung und zur künstlerischen Kreativität in Be-ziehung zur Psychoanalyse und hat viele von Kleins Ideen in die klinische Praxis eingeführt.



John Bowlby











John Bowlby: Er hatte eine komplizierte Beziehung zu Klein, aber seine Arbeit über Bindungstheorie und Verlust war teilweise durch Kleinianische Ideen geprägt.











Diese Analytiker und viele andere trugen dazu bei, dass Kleins Theorien und Techniken weiterhin diskutiert, erforscht und in der klinischen Praxis angewendet werden. Kleins Einfluss ist in vielen Bereichen der Psychoanalyse und verwandten psychologischen Praktiken zu spüren, und ihre Schüler haben diese Tradition in verschiedenen Richtungen fortgesetzt.


Klein "in Action"


Eine oft zitierte Anekdote über Melanie Klein bezieht sich auf ihre Art der Kinderanalyse und die damit verbundene Einführung des "Spielens" als wichtigen Teil ihrer therapeutischen Arbeit. Es wird berichtet, dass Klein eine kleine Auswahl an Spielzeug für die Sitzungen mit ihren jungen Patienten bereithielt. Die Wahl des Spielzeugs war jedoch kein Zufall: Sie enthielt Gegenstände, die vielfältige Projektionen und Identifikationen zuließen, wie etwa Tiere, Puppen, und Miniaturmöbelstücke.


Durch die Interpretation des Spiels gelang es Klein, Zugang zu den inneren Konflikten und Ängsten des Kindes zu finden

Eines Tages, so wird erzählt, spielte ein Kind während einer Sitzung mit einer Figur aggressiv und zerstörerisch, wobei es die Figur heftig gegen andere Spielzeuge schlug. Klein beobachtete dies und deutete das Verhalten als Ausdruck von Wut und Aggression, die das Kind gegenüber einem Elternteil oder einer anderen Autoritätsperson empfand. Durch die Interpretation des Spiels gelang es Klein, Zugang zu den inneren Konflikten und Ängsten des Kindes zu finden und diese in der weiteren Behandlung zu bearbeiten.


Ein weiterer Teil dieser Anekdote ist, dass Melanie Klein das Spiel des Kindes nicht einfach nur als Ausdruck seiner inneren Welt sah, sondern auch als eine Form der Kommunikation und der Übertragung, durch die das Kind seine Gefühle und Gedanken mit ihr teilen konnte, ohne direkt darüber sprechen zu müssen. Diese Sichtweise war bahnbrechend und legte den Grundstein für die kinderpsychoanalytische Technik, die bis heute verwendet wird.


Diese Geschichte illustriert Kleins bahnbrechenden Ansatz in der Psychoanalyse, der insbesondere ihre Fähigkeit zeigt, jenseits der damaligen traditionellen psychoanalytischen Methoden zu denken und zu praktizieren. Sie nutzte das Spiel als ein Fenster zur kindlichen Psyche und erweiterte damit die Reichweite der psychoanalytischen Behandlung.




Quellen:


  1. Introducing Melanie Klein: A Graphic Guide by R. D. Hinshelwood

  2. Anna Freud: The Dream Of Psychoanalysis by Robert Coles



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