12 TAGE - Zwang à la française

Aktualisiert: 5. Jan 2019


In diesem Beitrag möchten wir ihnen einen Film über Zwangsunterbringungen in französischen Psychiatrien und in diesem Zuge auch den Verein „Irre menschlich Hamburg e.V.“ vorstellen. Wir spannen den Bogen bis in die deutsche Psychiatrielandschaft und fassen für Sie die aktuelle Situation in Deutschland in einer Presseschau zusammen.



Der Film "12 TAGE" zeigt anhand des Beispiels der psychiatrischen Klinik in Lyon, Frankreich, wie die Feststellung von Zwangsmaßnahmen in einer akut-psychiatrischen Station verlaufen. Unser Team war bei der Aufführung und anschließenden Podiumsdiskussion mit von Zwang Betroffenen im 3001 Kino im Hamburger Schanzenviertel dabei.


Seltene Einblicke ermöglicht der französische Film „12 Tage“ vom Regisseur Raymon Depardon in das Ringen um Selbstbestimmung in französischen Psychiatrien. Anders als in Deutschland müssen untergebrachte Patienten erst innerhalb von 12 Tagen einem Richter vorgeführt werden, welcher dann über den weiteren Verbleib entscheidet. Beschließt der Richter einen Verbleib, kommt es nach 6 Monaten zu einer weiteren Anhörung. Ein standardisiertes Vorgehen steht hier dem individuellen Schicksal eines jeden einzelnen Patienten gegenüber.


Die Ärzte werden Teil des Dialogs ohne anwesend zu sein.

Die Psychiatrie wird als Ort langer monotoner Gänge, Schließgeräusche und Stacheldrahtzaun gezeichnet. In ruhigen Bildern wird das persönliche Leid eingefangen, was die erlebte Krise umso eindrücklicher erspürbar macht. Die Patienten wünschen sich meist eine Entlassung, ringen um ein Verstanden-Werden und zugleich werden das Entrückt-Sein aus der Realität und das Entgleiten der Kontrolle der eigenen Emotionen und Kognitionen deutlich. Im Dialog mit den Betroffenen bemüht sich die Justiz um eine Einschätzung auf Grundlage der vorliegenden Akte und der ärztlichen Gutachten. Die Ärzte werden Teil des Dialogs ohne anwesend zu sein. Die Leidens- und Lebensgeschichte der Patienten liegt entblößt und festgeschrieben vor dem Richter und scheint nur wenig aushandelbar zu sein. Dem Dokumentarfilmer gelingt eine sensible Auseinandersetzung mit dem persönlichen Leid, dem Recht auf Selbstbestimmung und den Gesetzen, die diese einzuschränken vermögen. Mehr infos zum Film hier klicken.



Weshalb hat der Film eine Relevanz? Bleibt es bei einer Betrachtung fremder Krisen, die wir aus sicherem Abstand verfolgen können?


Irre menschlich Hamburg e.V.

Psychische Erkrankungen können jeden treffen. Der Verein Irre menschlich Hamburg e.V. ist 1999 aus dem von Dorothea Buck und Prof. Dr. phil. Thomas Bock gegründeten Hamburger Psychoseseminar hervorgegangen. In diesem Trialog lehren und lernen Menschen mit psychischen Problemen, Angehörige und beruflich erfahrene MitarbeiterInnen der Psychiatrie auf gleicher Ebene. Der Verein möchte krisenerfahrene Menschen, Angehörige und professionell Tätige aus dem psychiatrischen Umfeld zusammenführen, um gemeinsam Vorurteilen entgegenzuwirken und ein menschliches Bild psychischer Erkrankungen zu fördern. Mehr Toleranz gegenüber Anderen und mehr Sensibilität gegenüber sich selbst bedingen sich gegenseitig als notwendige Voraussetzung von psychischer Gesundheit für alle Menschen. Informationen "aus erster Hand" und unmittelbare Begegnung sind dabei nach unserer langjährigen Erfahrung am überzeugendsten.


„Es ist normal, verschieden zu sein“                  Richard von Weizsäcker

Kulturelle Projekte aus dem Bereich Kunst, Theater und auch Film bringen Interessierte und Erfahrene zusammen, um einen Austausch zu ermöglichen. Auch an Schulen, Hochschulen, in Betrieben und Behörden sowie bei der Polizei wird z.B. im Rahmen von Fortbildungen und Veranstaltungen ein reger Austausch gefördert. Die Möglichkeit nach der Filmvorführung bei der Podiumsdiskussion mit drei Krisenerfahrenen, die selbst Zwangsunterbringungen erlebt haben, ins Gespräch zu kommen, bot eben diese Informationen „aus erster Hand“ und einen Raum der Begegnung.



Psychiatrie und Zwang in Deutschland

Die gesetzlichen Grundlagen zu Fixierungsmaßnahmen in der Psychiatrie in Deutschland wurden durch das Bundesverfassungsgericht neu geregelt. In Anlehnung an diese Gesetzesänderung sowie inspiriert durch den Film „12 Tage“ möchten wir im Rahmen einer kleinen „Presseschau“ einen kurzen Überblick zum Thema Psychiatrie und Zwang geben. Selbstverständlich ist diese Presseschau nur ein kleiner Anfang, Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie kritisch zu beleuchten. Es handelt sich dabei um kein Thema, das man wie ein Kapitel abschließen kann. Es wird im psychiatrischen Alltag immer präsent sein und sollte dementsprechend immer kritisch hinterfragt werden.


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