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Jean-Jacques Rousseau: zwischen Modernität und Eigensinn


Jean-Jacques Rousseau, einer der einflussreichsten Denker der Aufklärung, führte ein Leben voller Höhen und Tiefen. Sein Weg führte ihn nicht nur zu revolutionären philosophischen Ideen, sondern auch in den Abgrund des "Wahnsinns". In diesem kurzen Artikel werfen wir einen Blick auf sein Leben, seine einflussreichsten Werke und seinen Kampf mit psychischen Belastungen. Viel Spaß beim Lesen!


Nicholas Bagshawe - Fine Art, London

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) war eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Aufklärung und ein wahrer Denker seiner Zeit. Seine Ansichten zu verschiedenen Themen, einschließlich der Erziehung von Kindern und der Rolle der Frau in der Gesellschaft, haben das intellektuelle und soziale Gefüge seiner Ära tiefgreifend beeinflusst. Dieser Artikel wird einen Überblick über das Leben und die Ideen von Rousseau geben, einschließlich seiner bedeutenden Schriften, kontroversen Ansichten und seines psychischen Abstiegs.


Das Leben von Jean-Jacques Rousseau


Rousseau wurde am 18. Juni 1712 in Genf als Sohn eines Uhrmachers und dessen Frau geboren. Seine Mutter verstarb kurz nach seiner Geburt und sein Vater verließ Genf, was zu einer schwierigen Kindheit für Rousseau führte. Er wurde in die Obhut seines Onkels gegeben und später einem Pfarrer anvertraut. Seine frühen Jahre waren von Entbehrungen und Unsicherheiten geprägt und er brach mehrere Lehren und Arbeitsstellen ab.


Im Laufe der Jahre arbeitete Rousseau in verschiedenen Berufen, darunter Gerichtsschreiber und Graviermeister. Sein Leben nahm eine Wendung, als er sich 1728 zum katholischen Glauben bekehrte und nach Turin zog. Dort wurde er als Musikant und Musikschüler tätig. In den folgenden Jahren bereiste er die Schweiz und Frankreich, bevor er sich in Paris niederließ. Während seines Aufenthalts in Paris lernte Rousseau den Philosophen Denis Diderot kennen und wurde beauftragt, musiktheoretische Beiträge für die französische Encyclopédie zu verfassen. Rousseau verbrachte einige Jahre in verschiedenen Ländern, darunter Preußen und England, bevor er nach Frankreich zurückkehrte.

Er lebte in freier Ehe mit Thérèse Levasseur und ließ die gemeinsamen Kinder im Waisenhaus aufziehen.

Rousseau traf Thérèse Levasseur im Jahr 1745 in Paris. Sie arbeitete als Wäscherin und Zimmermädchen im Hotel Saint-Quentin, wo Rousseau seine Mahlzeiten zu sich nahm. Zu dieser Zeit war Levasseur 24 Jahre alt, Rousseau 33. Thérèse Levasseur und Rousseau hatten fünf Kinder zusammen, die sie alle in die Obhut des Waisenhauses Enfants-Trouvés gaben, beginnend mit dem ersten Kind im Jahr 1746. In seinen "Bekenntnissen" beschreibt Rousseau Thérèse als eine Frau mit geringer Intelligenz, die von ihrer Familie ausgenutzt wurde. In Bourgoin gingen sie eine rechtlich ungültige Ehezeremonie ein. Die Zeremonie, in der die katholische Levasseur und der protestantische Rousseau am 30. August 1768 vor dem Bürgermeister ihr Versprechen ablegten, war keine kirchliche Hochzeit. Es war vielmehr ein Gelöbnis, einander bis zum Lebensende treu zu bleiben. Insgesamt verbrachte Thérèse 34 Jahre an der Seite von Rousseau. Levasseur unterstützte Rousseau und pflegte ihn; nach seinem Tod erbte sie seine Hinterlassenschaften, einschließlich seiner Manuskripte und Tantiemen.


Johann Michael Baader: Marie Thérèse Levasseur

Rousseaus Philosophie


Rousseau war ein herausragender Denker der Aufklärung und veröffentlichte mehrere bahnbrechende philosophische Werke. Rousseau schrieb bedeutende Werke wie "Der Gesellschaftsvertrag" und "Emile oder über die Erziehung". Aufgrund seiner kontroversen Ideen geriet er jedoch in Konflikt mit der Obrigkeit in Frankreich und der Schweiz und floh vor Verfolgung. Er vollendete sein autobiografisches Werk "Die Bekenntnisse", wurde jedoch von der Polizei daran gehindert, daraus öffentlich vorzulesen. In seinem "Discours sur les sciences et les arts" (1750) argumentierte er, dass der Fortschritt in Wissenschaft und Kunst die Moral und die Tugenden der Menschen nicht verbessert, sondern stattdessen ihre Seelen verdorben habe. Er kritisierte die zunehmende Zivilisation und den Verlust von Authentizität in der Gesellschaft.


In seinem Werk "Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen" (1755) beschrieb Rousseau, wie sich die Gesellschaft von einer glücklichen Urgesellschaft zu einer ungerechten und ungleichen modernen Gesellschaft entwickelt hatte. Er betonte, dass der Mensch von Natur aus gut sei und dass die Zivilisation ihn korrumpiert habe. Dieses Werk legte die theoretischen Grundlagen für spätere Revolutionen und soziale Bewegungen.


Sein bekanntestes Werk, "Der gesellschaftliche Vertrag" (1762), argumentierte, dass der Staat auf einem Vertrag beruhe, den die Bürger freiwillig eingingen, um ihre gemeinsamen Interessen zu schützen. Diese Idee des sozialen Vertrags hatte einen erheblichen Einfluss auf die Französische Revolution und die Entwicklung der politischen Philosophie.


Rousseaus Ansichten zur Erziehung


Rousseau veröffentlichte 1762 sein Buch "Emile oder über die Erziehung", in dem er radikale Ansichten zur Erziehung von Kindern präsentierte. Seine zentrale These war, dass Kinder in ihrer natürlichen Umgebung aufwachsen sollten, weitgehend frei von äußerem Einfluss und Zwang. Er betonte die Bedeutung des freien Spiels, der Entdeckung und der Selbstbildung und lehnte traditionelle Methoden der autoritären Erziehung ab.


...tiefgreifenden Einfluss auf die spätere Pädagogik, einschließlich der Arbeit von Bildungspionieren wie Pestalozzi, Fröbel und Montessori.

Rousseau propagierte die Idee, dass Kinder im Einklang mit ihrer eigenen Entwicklung und ihren individuellen Interessen erzogen werden sollten. Dieser Ansatz war bahnbrechend und hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf die spätere Pädagogik, einschließlich der Arbeit von Bildungspionieren wie Pestalozzi, Fröbel und Montessori. Ironischerweise stand Rousseaus radikale Theorie zur Kindererziehung im starken Kontrast zu seinem eigenen Handeln in Bezug auf seine Kinder. Trotz seiner Überzeugungen zur natürlichen Erziehung gab er seine eigenen Kinder im Säuglingsalter ins Waisenhaus.


Warum hat Rousseau dieses scheinbare Paradoxon gelebt? Die Gründe sind komplex. Ein Teil davon könnte auf die soziale Stigmatisierung von außerehelichen Kindern und auf die persönlichen Schwierigkeiten von Jean-Jacques und Thérèse zurückzuführen sein, die finanziell und emotional nicht in der Lage waren, für die Kinder zu sorgen. Dies führte dazu, dass sie die Kinder im Glauben zurückließen, dass sie im Waisenhaus bessere Chancen auf ein gutes Leben hätten.


Rousseaus Handeln im Widerspruch zu seinen eigenen Ideen zur Kindererziehung hat zu erheblicher Kontroverse geführt und sein persönliches Leben und seine philosophischen Überlegungen in Frage gestellt. Kritiker argumentierten, dass er nicht im Einklang mit seinen eigenen Prinzipien gelebt habe und somit unglaubwürdig sei. Auf der anderen Seite argumentierten einige, dass Rousseau in einer schwierigen persönlichen Situation gewesen sei und dass sein Handeln im Kontext seiner Zeit und Umstände verstanden werden solle. Seine Ideen zur Kindererziehung können als theoretisches Ideal angesehen werden, das in der Praxis oft schwer umzusetzen ist.


Kritik an Rousseaus Ansichten zur Frau


Obwohl Rousseau als ein Vorreiter der modernen Pädagogik und der Kindheitsentwicklung angesehen wird, waren seine Ansichten zur Rolle der Frau in der Gesellschaft äußerst kontrovers. In seinem Werk "Emile" präsentierte er ein stark stereotypisches Bild von Frauen, das sie auf häusliche und private Tugenden beschränkte und ihre intellektuellen Fähigkeiten herabsetzte. Rousseau argumentierte, dass Frauen für das abstrakte Denken ungeeignet seien und ihre Hauptaufgabe in der Unterstützung der Männer und der Erziehung der Kinder bestehe. Diese Ansichten haben dazu beigetragen, die soziale Ungleichheit der Geschlechter zu verstärken und die Unterdrückung der Frauen in der Gesellschaft zu rechtfertigen.


Der Weg in den "Wahnsinn"


Die letzten Jahre von Rousseaus Leben waren von zunehmendem psychischen Leiden geprägt. Es wird vermutet, dass er an einer Form der Psychose litt. Diese Störungen führten zu schwerwiegenden emotionalen Problemen und sozialem Rückzug.


Rousseau fühlte sich verfolgt und missverstanden, was zu einem starken Misstrauen gegenüber anderen Menschen führte.

Einer der Auslöser für sein Leiden war der anhaltende Konflikt mit anderen Philosophen (v.a. mit David Hume) und der Obrigkeit. Seine Ideen wurden kontrovers diskutiert und brachten ihm Feindschaft und Kritik ein. Rousseau fühlte sich verfolgt und missverstanden, was zu einem starken Misstrauen gegenüber anderen Menschen führte.


Der Konflikt zwischen den Philosophen David Hume und Jean-Jacques Rousseau war nicht auf rein intellektuelle Meinungsverschiedenheiten beschränkt, sondern wurde auch von persönlichen und emotionalen Spannungen beeinflusst. Eine entscheidende Phase dieses Konflikts trat auf, als Rousseau in den 1760er Jahren Anzeichen von geistiger Instabilität zeigte. Dies führte zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung zwischen den beiden Denkern, die ihre philosophischen Differenzen verstärkte. Hume hatte zuvor eine Freundschaft zu Rousseau gepflegt und ihm in schwierigen Zeiten geholfen, insbesondere als Rousseau vor den französischen Behörden floh. Als Rousseaus "Paranoia" zunahm, fühlte sich Hume zusehends unwohl in seiner Gegenwart und wurde von Rousseaus Vorwürfen, dass er Teil einer Verschwörung sei, belastet.


Dieser Briefwechsel wurde öffentlich bekannt und führte zu einer breiten Debatte über den Konflikt zwischen den beiden Philosophen. Die Öffentlichkeit verfolgte gespannt die Auseinandersetzung zwischen dem etablierten Denker Hume und dem als "verrückt" geltenden Rousseau. Der Konflikt war nicht nur auf Rousseaus psychischer Belastung zurückzuführen, sondern spiegelte auch tiefgreifende philosophische Differenzen wider. Hume und Rousseau hatten grundlegend unterschiedliche Ansichten über die menschliche Natur, die Gesellschaft und die Rolle der Vernunft. Letztendlich markierte der Konflikt einen Wendepunkt in der Beziehung zwischen beiden Philosophen und führte dazu, dass Hume und Rousseau ihre Freundschaft beendeten .


Der tragische Tod


Rousseau entschied sich schließlich, aus der Gesellschaft zu fliehen und sich zurückzuziehen. Er verbrachte Jahre in verschiedenen Rückzugsorten in Frankreich, wo er ein einfaches Leben in der Natur suchte. Trotzdem plagten ihn die inneren Dämonen weiterhin. Am 2. Juli 1778 fand Rousseau einen tragischen Tod. Er starb in Ermenonville, einem Ort, den er als seinen Zufluchtsort gewählt hatte. Sein plötzlicher Tod hat viele Fragen aufgeworfen, die genaue Todesursache bleibt bis heute unklar.


© Baptiste Roussel - Grab von Rousseau im Panthéon von Paris en septembre 2013, Frankreich

Fazit


Jean-Jacques Rousseau war zweifellos ein Querdenker der Aufklärung, dessen Ideen die intellektuelle Landschaft seiner Zeit und darüber hinaus geprägt haben. Seine Ansichten zur Erziehung und zur Natur des Menschen haben die Entwicklung der Pädagogik und der politischen Philosophie nachhaltig beeinflusst. Dennoch müssen wir seine kontroversen Ansichten zur Rolle der Frau in der Gesellschaft kritisch betrachten und die Auswirkungen seiner Ideen auf die Geschlechtergleichstellung erkennen.


...selbst große Denker sind nicht immer in der Lage, ihre eigenen Ideale konsequent zu leben.

Die Kontroverse um Rousseaus Kindererziehung und das Schicksal seiner eigenen Kinder wirft ein Licht auf die komplexen Zusammenhänge zwischen persönlichem Leben und philosophischen Überlegungen. Während seine Theorien zur Erziehung weiterhin Einfluss auf die Bildung und Pädagogik haben, erinnert sein persönliches Dilemma daran, dass selbst große Denker nicht immer in der Lage sind, ihre eigenen Ideale konsequent zu leben. Diese Kontroverse unterstreicht die Vielschichtigkeit der menschlichen Erfahrung und die Herausforderungen, die mit der Umsetzung von philosophischen Ideen im realen Leben einhergehen können.


Der Konflikt zwischen Hume und Rousseau ist ein Beispiel dafür, wie sich persönliche und philosophische Differenzen gegenseitig verstärken können. Während die beiden Philosophen zweifelsohne bedeutende Denker ihrer Zeit waren, zeigt ihre Auseinandersetzung auch, wie fragile Beziehungen zwischen Intellektuellen sein können, insbesondere wenn psychische Gesundheitsprobleme ins Spiel kommen.


Rousseaus Leben und Philosophie sind ein faszinierendes Kapitel in der Geschichte des Denkens, das uns dazu anregt, über die Grundlagen unserer Gesellschaft und unserer Bildungssysteme nachzudenken. Seine komplexen und oft widersprüchlichen Ansichten machen ihn gleichzeitig zu einem der bedeutendsten Denker seiner Zeit und einer herausfordernden Figur in der Geschichte der Philosophie.


was würden Sie Rousseau fragen, wenn er heute noch leben würde?

Quellen


  1. Rousseau als philosophischer Scharlatan in Deutschlandfunk Kultur

  2. Jean-Jacques Rousseau: A Psychoanalytic and Psychological Bibliography by E. Pierre Chanover

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