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Eine Psychologin mit Migrationshintergrund erzählt...

Die Suche nach einer Praktikumsstelle für Psychotherapie als junge Frau mit Migrationsgeschichte - Vor- und Nachteile. Anahita Sattarian teilt ihre Erfahrungen in unserem neuesten Blog-Beitrag. Viel Freude beim Lesen!


© G. Nachtigall / Hamburg, Deutschland

Zur Person

Anahita Sattarian wurde 1995 in Hamburg als Tochter iranischer Einwanderer geboren. Im Sommer 2022 hat sie nach ihrem Studium in Bielefeld und London an der Universität Bielefeld mit dem „Master of Science“ in Psychologie abgeschlossen und macht derzeit am Institut für Psychotherapie (IfP) des UKE ihre Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt „Verhaltenstherapie“. Zuvor arbeitete sie am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bielefeld und in der Flüchtlingsambulanz des UKE im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte als Studienkoordinatorin und in ihrer Praktischen Tätigkeit der Psychotherapieausbildung am Neuropsychiatrischen Zentrum Hamburg (NPZ) und auf der Adoleszentenstation (PA1) des UKE als Psychologin. In ihrer Freizeit engagiert sie sich als freie Autorin und Interviewpartnerin (siehe unten) zu Themen rund um Mental Health und Chancengerechtigkeit.


Anahita Sattarian - https://www.researchgate.net/profile/Anahita-Sattarian

Mit diesem Beitrag möchte ich auf ein Ungleichgewicht hinweisen: trotz einer heterogenen Patient:innengruppe im psychiatrischen Kontext und dem Umstand, dass mehr als jede vierte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund aufweist, spiegeln sich diese Verhältnisse nicht im Anteil der Psycholog:innen mit Migrationshintergrund wider, die sich in einer Psychotherapieausbildung und im Rahmen dessen in einer praktischen Tätigkeit (PT) befinden. Zugleich möchte ich als Psychologin mit Migrationsgeschichte meine Entscheidung für die Praktischen Tätigkeit (PT) auf der Adoleszentenstation (PA1) am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf beschreiben und dabei meine Eindrücke bei der Stellensuche schildern. Ich möchte Mut machen, sich explizit als Psycholog:in mit Migrationshintergrund für die Psychotherapieausbildung zu entscheiden und sich im Rahmen dieser auf eine PT-Stelle zu bewerben.


Mein Weg zur PA1 begann mit diversen Bewerbungen für Stellen der Praktischen Tätigkeit in Hamburg und Umgebung. Hierbei rate ich angehenden Psychotherapeut:innen sich breit aufzustellen und neben möglicherweise bereits bekannten eigenen Behandlungsschwerpunkten den Blick auf andere sowohl allgemeinere als auch spezifischere Stationen zu werfen. Gleichzeitig kann die Suche nach der Stelle für die PT-Zeit auch eigene Interessen und Schwerpunkte vertiefen. Auch deshalb fiel meine PT-Wahl auf die PA1, da ich in früheren Forschungsprojekten mit der Zielgruppe der jungen Erwachsenen gearbeitet habe und die Entwicklungspotenziale in dieser Altersspanne besonders gerne begleiten wollte. Zugleich werden auf der PA1 Patient:innen mit verschiedenen Erkrankungsbildern vorstellig, sodass ich einen generellen Einblick in unterschiedliche Bereiche erhalten konnte. Es galt für mich als angehende Psychotherapeutin mit Migrationshintergrund ein Gleichgewicht zwischen mir bisher unbekannten Bereichen mit hohem Lernzuwachs und der Vertiefung eigener Schwerpunkte zu finden.


Bei der PT-Bewerbung selbst habe ich nach dem Motto „start before you’re ready“ konkrete Wunschvorstellungen und Ziele an die Praktikumszeit formuliert

Im Vorfeld der praktischen Tätigkeit achtete ich darauf, notwendige Qualifikationen, Arbeitszeugnisse und erste Erfahrungen im Patientenkontakt auch in Verbindung mit der Expertise durch meine Migrationsgeschichte zu sammeln. Im Rahmen des Sprachunterrichts meiner Muttersprache Persisch konnte ich zum Beispiel Psychologie- und Psychotherapiebücher integrieren, um die Fachbegriffe meines zukünftigen Berufsfelds für die therapeutische Arbeit kennenzulernen. Außerdem habe ich in Praktika und studentische Hilfskraftstellen bei Fragebogenübersetzungen oder in Forschungsvorhaben in der Rekrutierungen von Studienteilnehmer:innen meine Persischkenntnisse anwenden können.


Bei der PT-Bewerbung selbst habe ich nach dem Motto „start before you’re ready“ konkrete Wunschvorstellungen und Ziele an die Praktikumszeit formuliert, die für mich auch Herausforderungen darstellen würden, um mehr als das für mich bekannte (ein Sicherheitsstreben, das ich sonst stets verfolge) erzielen zu wollen. Zusätzlich habe ich spezifische Qualifikationen, die ich durch meine Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit Migrationsgeschichte und Fähigkeiten, die sich in Bezug auf meine eigene Migrationsbiografie gebildet haben, benannt. Diese bereits im Bewerbungsschreiben gesetzten Schwerpunkte halfen mir, mich eventuell von anderen Bewerber:innen für die PT-Stelle zu unterscheiden und neben den im Studium und in der Ausbildung vermittelten psychologischen Kenntnissen weitere migrationsspezifische Expertise mitzubringen.


In den darauffolgenden Bewerbungsinterviews selbst, standen für mich auch meine eigenen Anforderungen im Fokus. Ich achtete darauf, wie mein Gegenüber meine eigenen Erfahrungen mit der Behandlung von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte aufnahm und bewertete. Die Möglichkeit nutze ich, um in der Übertragung zu spüren, was die Kultursensibilität meines Gegenübers und damit auch das Verständnis für migrationsspezifische Themen, die in vielen Migrationsbiografien auftauchen, in mir auslöst und was bei diesem Prozess wiederum in der Gegenübertragung wirkt. Hier ist mir in meiner inneren Wahrnehmung aufgefallen, dass es für mein Wohlbefinden einen Unterschied machte, ob eine Sensibilität für migrationsspezifischen Schwerpunkte und die vermehrten Risikofaktoren, die auch mit meiner eigenen Migrationsbiografie einhergingen (kleineres soziales Netz, fehlende berufliche Rollenvorbilder, Armut, Diskriminierungs- und Rassismuserfahrung etc.), vorhanden gewesen ist. Diese Risikofaktoren sind sowohl für mich als angehende Psychotherapeutin als auch häufig für Patient:innen mit Migrationsgeschichte real und somit prägend gewesen. Ein Umfeld, das ein Bewusstsein für diese Faktoren, die mit einer Einwanderung einhergehen besitzt, ist somit für mich essenziell, um mich gesehen und angekommen zu fühlen. Beim Bewerbungsgespräch auf der PA1 hatte ich eben dieses Gefühl mit meiner Erfahrung und Expertise auf diesem Gebiet ernstgenommen und wertgeschätzt zu werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund fiel meine PT-Stellenwahl auf die PA1.


Auch die Wichtigkeit von Repräsentation hat, wie bereits beim Ausdruck „representation matters“ deutlich wird, für mich eine essenzielle Rolle gespielt

Auch die Wichtigkeit von Repräsentation hat, wie bereits beim Ausdruck „representation matters“ deutlich wird, für mich eine essenzielle Rolle gespielt. Gerade für angehenden Psychotherapeut:innen (mit Migrationsgeschichte), die nicht in einem akademisierten Umfeld aufgewachsen sind, ist es wichtig, auch im Arbeitsumfeld Bezugspersonen und Rollenvorbilder mit Migrationshintergrund vorzufinden. Dies prägt und hinterlässt Spuren. Auf der PA1 war hatte ich diese migrantischen Rollenvorbilder, da sowohl mein damaliger Oberarzt als auch andere Kolleg:innen einen Migrationshintergrund aufwiesen. Wie ich gelernt habe, war dies alles andere als selbstverständlich, da im Rahmen anderer Bewerbungsgespräche weder die anwesenden Psycholog:innen, noch die Ärzt:innen oder die Mitarbeitenden des Pflege- und Erziehungspersonals eine Migrationsgeschichte mitbrachten.


Für nicht betroffene Personen mag dies irrelevant erscheinen, ich habe jedoch gemerkt, dass hier bei Anwesenheiten von Kolleg:innen mit Migrationsgeschichte auch nahbare Rollenmodelle entstehen können, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eigene Themen, beispielsweise in Bezug auf die eigene gegenwärtige Betroffenheit bei politischen Unruhen im Heimatland aufnehmen und thematisieren können. Risikofaktoren erschweren Chancengerechtigkeit, umso wichtiger, dass Rollenmodelle in der unmittelbaren Umgebung und des eigenen Fachs unterstreichen, dass es auch mit widrigeren Startmöglichkeiten funktionieren kann. Hier spielen auch weniger bewusste Prozesse eine Rolle, die einem deutlich machen, dass man beispielsweise dem Umfeld des Universitätsklinikums und der Forschung zugehörig sein kann und hier einen Platz hat. Dieses Zugehörigkeitsgefühl hat für mich erst im jungen Erwachsenenalter (bewusst) eine Rolle gespielt. Der Bezug zu Themen wie Herkunft, Heimat, Identität und die Zerrissenheit, die man empfinden kann, wenn der Großteil der eigenen Familie in einem anderen Land lebt, waren nur einige migrationsspezifische Themen, die in Mittagspausen oder Supervisionen vermehrt miteinander im Team geteilt werden konnten.


...ich wurde kontextlos gefragt, ob ich „sogar Patient:innen mit Kopftuch behandeln“ würde.

Dass fehlende Diversität im Team zu Stereotypisierung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund führen kann, erlebte ich in einem Bewerbungsgespräch bei der Stellensuche im Rahmen meiner Psychotherapieausbildung: ich wurde von einem Leitungsteam für eine psychologische Stelle nach meiner Meinung zur politischen Lage verschiedener „orientalischer Länder“ gefragt, mein Name wurde nicht vollständig ausgesprochen, weil er „zu kompliziert“ geklungen habe und ich wurde kontextlos gefragt, ob ich „sogar Patient:innen mit Kopftuch behandeln“ würde - eine per se diskriminierende Frage. Durch diese Erfahrungen lernte ich sogenannte „Othering“-Prozesse kennen und fühlte mich an manchen Stellen während des Bewerbungsprozesses „verandersartigt“, da mir lediglich aufgrund meines Namens und meiner Herkunft thematisch gänzlich andere Fragen gestellt wurden, als meinen Kolleg:innen ohne Migrationsgeschichte.


Ich habe mich wegen und später trotz meiner Migrationsgeschichte dazu entschieden, Psychotherapeutin zu werden.

Ich habe mich wegen und später trotz meiner Migrationsgeschichte dazu entschieden, Psychotherapeutin zu werden. Und dieser Weg begann für mich 2015 während meiner ehrenamtlichen Geflüchtetenarbeit am Hamburger Hauptbahnhof. Damals übernahm ich aufgrund meiner Sprachkenntnisse die Sprachmittlung klinischer Gespräche für traumatisierte Geflüchtete. Mir fiel auf, dass mir bestimmte Fähigkeiten, die ich wegen meiner eigenen Migrationsbiografie mitbrachte, in der Arbeit mit belasteten Patient:innen halfen. Mir wurde zurückgemeldet, dass die Betroffenen auch aufgrund meines eigenen Migrationshintergrundes schnelles Vertrauen zu mir fassen konnten und ihnen dadurch für kurze Zeit eine Art Sicherheit in einem noch unbekannten Umfeld geboten wurde.


Inspiriert durch eine 5-jährige Patientin, die mir mitteilte, dass ich ihr aufgrund unserer selben Muttersprache ähnlich sei und auch sie es somit „in Deutschland schaffen kann“, entwickelte sich der Wunsch, Menschen in ihrem Umgang mit psychischen Problemen zu unterstützen. Ich gehörte zu den wenigen Psychologiestudierenden in meinem Jahrgang, die eine Migrationsgeschichte hatten, und später wurde ich zur Psychotherapeutin in Ausbildung.


Gleichzeitig merkte ich auch in der Arbeit auf der PA1, dass auch meine spezifischen Fähigkeiten aufgrund meiner eigenen Migrationserfahrung für die klinische Arbeit wertvoll sind. Diagnostik und Therapie auf anderen (Mutter-)sprachen anbieten und durchführen zu können und migrationsspezifische Themen zuordnen zu können, werden auch angesichts der aktuellen Situation und dem Zuwachs an Patient:innen verschiedener Herkunftsländer immer wichtiger. Und ich hoffe, dass in Zukunft in Zeiten einer heterogenen Patientenzielgruppe auch aufgrund von steigender Teilhabemöglichkeiten und Chancengerechtigkeit der Anteil an (psychotherapeutisch) behandelnden Mitarbeitenden in der Psychiatrie steigt. Von mehr Heterogenität können aktuelle psychotherapeutische Behandlungsteams in Deutschland profitieren.


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