Fashion fights Stigma - Mode mit Mission

Kann man eine Gesellschaft besser verstehen, wenn man ihre Kleidung studiert? Um diese und andere Frage zu diskutieren, trafen wir Martina Offeh zusammen mit unserer Gesellschaftsdetektivin Emilia von Freud, die im ersten Teil unserer Beitragsreihe „Anamnese – ein Gesellschaftsporträt“ den Stigmatisierungsbegriff beleuchtete, sich mit Depressionen im Profifußball beschäftigte, und dieses langersehnte Interview mit Vorfreude ankündigte. Nun ist es soweit! Viel Spaß beim Lesen und Gucken!



In der Weihnachtszeit 2019 interviewten Emilia von Freud und das MBF-Team Kreativdirektorin und Gründerin des Modelabels „Ashes and Soil“ Martina Offeh. Da die bescheidene Protagonistin viel mehr über ihre Projekte als von sich selbst und ihrer beeindruckenden Vita erzählte, hat Emilia ein paar interessante Informationen für die MBF Leserschaft zusammengestellt:

Als Kind wollte Martina Profilerin, Psychologin oder Anwältin werden. Weil sie ihre Kreativität nicht außer Acht lassen wollte, studierte sie schließlich Mode- und Textilmanagement, um Schöpferkraft und Unternehmensführung miteinander zu verbinden. Dies führte im Jahr 2017 zur Gründung des Modelabels „Ashes and Soil“, denn für die Hamburger Deern ist Mode zwar Ausdruck von Schönheit und Akzeptanz aber ihr wirkliches Interesse liegt im Austausch mit dem Gegenüber. Ihre Modekollektion hat daher neben Stil, Ästhetik und Funktionalität eine weitere Mission. Sie schafft Begegnungspunkte, bei dem die Geschichten und Erfahrungen sozial Benachteiligter durch das Tragen der Kleidungsstücke erzählt, zur Schau gestellt und gleichzeitig Dritte in Resonanz gebracht werden sollen. Schließlich trägt man ja deren Leidensgeschichte buchstäblich auf dem Rücken! Was Martina tatsächlich im Gegenüber bewirkt ist ein aufrichtiges Inne halten. Nicht grundlos trägt die erste Herbst-/Winter Kollektion den Namen „Introspection“ (mehr im Video und hier).



Martinas unbändiger Tatendrang und ihre ständige Aufmerksamkeit anderen gegenüber geht weit über ihre Modetätigkeit hinaus. Ehrenamtlich engagiert sie sich mitunter bei „Future For Ghana Germany“, ein gemeinnütziger Verein, der junge AfrikanerInnen in Hamburg vernetzt, um Synergien zu schaffen und Bildung zu fördern. Dass Sie bereits eine beschauliche Schauspielkarriere vorzuweisen hat, erwähnte Martina mit keinem Wort. Die gründliche Recherche unserer Gesellschaftsdetektivin brachte Licht ins Dunkel: Unter anderem hielt sie die Hauptrolle in „Der Hafenpastor“ (2012), wo sie in die Haut der Adoma Fauré schlüpfte, einer jungen Afrikanerin die illegal nach Deutschland eingereist war, abgeschoben werden sollte und Krichenasyl beim Pastor Stefan Book der St. Pauli-Kirche fand. Eine beeindruckende Darstellung die Martinas Einfühlvermögen verdeutlicht.      

„Protest, Aufklärung und Kommunikation“

Und wer vom facettenreichen Werdegang Martinas immer noch nicht beeindruckt ist, sollte wissen, dass sie sich, ausserhalb der Mode, aktiv für interkulturelle Kommunikation sowie Begegnungen und Entstigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen einsetzt. Für sie stellen „Protest, Aufklärung und Kommunikation“ grundlegende Schlüssel für eine langfristige Veränderung und den Abbau von Stigmatisierung in unserer Gesellschaft dar.

Das MBF Team durfte beispielsweise 2018 im Wilhelmsburger Wälderhaus an einem ihrer „BRAIN TALK – Fashion meets Mental Health“ mitwirken, bei dem sich Betroffene, Experten und Interessierte über Fragen zu mentaler Gesundheit im Rahmen von Vorträgen und Workshops austauschten. Auf afrikanischem Boden, vornehmlich in Ghana und Kenia, wirkte Martina als Kooperationspartnerin zusammen mit Rick Wolthusen, dem Gründer von On The Move e.V. dabei mit, „Home of Brains“ zu entwickeln. In diesen Gesundheitszentren werden für Betroffene die Prävention, Diagnostik und Therapie psychischer Störungen ermöglicht.

Zweifelsohne: Martina ist eine Großmeisterin des Netzwerkens! Wo Martina ist, begegnen sich Menschen. Und bei dem pickepacke vollen Terminkalender ist es umso verständlicher, dass sie nur in zwei Ausnahmen nachts aufstehen würde: Um jemandem in Not beizustehen und für Chicken McNuggets.



Schließlich verabschieden wir uns schweren Herzens mit diesem Beitrag von der Gesellschaftsdetektivin Emilia von Freud. Weil sich unsere vielbeschäftigte Kollegin spontan einen Lebenstraum erfüllen wollte, fasste sie den Entschluss, ein Sabbatical einzulegen. Ein letztes Mal instruierte sie uns in all ihren methodischen Fertigkeiten und empfahl, dass wir uns auf das Interview-Format spezialisieren sollten. So denn, ihrem Rat folgend wird das MBF-Team ab heute Schreiben, Filmen und... Podcasten!

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