Anamnese - ein Gesellschaftsporträt


In unserer siebenteiligen Beitragsreihe „Anamnese – ein Gesellschaftsporträt“ möchten wir den Versuch wagen, eine Skizze unserer bunten Gesellschaft zu erstellen. Dabei wollen wir die Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen in den Fokus stellen. Gesellschaft kann in der Not helfen und sie kann krank machen, z.B. durch Stigmatisierung. Wie kann man dem Problem der Stigmatisierung begegnen? Gesellschaft lebt durch Entscheidungen und Handlungen ihrer Individuen. Wir möchten diese Individuen näher kennenlernen und eine Ahnung davon bekommen, welches Potential unsere Gesellschaft hat, um sich gemeinsam den großen und kleinen Fragen der Zeit, vor allem aber der Frage nach Wegen aus der Stigmatisierung zu stellen. Da es sich um ein waghalsiges Projekt handelt und wir dabei jede Hilfe gebrauchen können, haben wir einen echten Profi für unsere Leserschaft engagiert: Gesellschaftsdetektivin Emilia von Freud, die Sie durch die Beitragsreihe führen wird. Viel Spaß bei der Lektüre.


S. Kim - Amalfi, Italien

Die Altonale, Norddeutschlands größtes Kultur- und Stadtteilfest, hat begonnen. Da ich berufsbedingt eine kurze Nacht hatte, war mein einziger Gesellschaftsbeitrag am heutigen Tag ein Spaziergang über den Platz der Republik. In der gemütlichen Schlange vor einem Obststand erhaschte mich die Frage, wer wohl weiß, wie sich der Gesang einer Amsel anhört? Die Dame mit dem rotgefärbtem Kurzhaarschnitt? Oder der grimmig dreinschauende Typ in den Schlabberklamotten? Oder gar der süße kleine Hund? Am Vorabend lauschte ich lange dem unnachahmlichen Gesang, den ich schon so viele Male zuvor gehört hatte, ehe ich mich endlich an meinen Computer setzte und recherchierte. In der Tat steckt die Amsel, auch bekannt aus dem berühmten Liedtext von „Alle Vögel sind schon da“, hinter dieser Symphonie. Dabei kam mir der Gedanke, wie sich wohl jemand fühle, der Vogelstimmen wahrnehmen kann, die sonst kein anderer hört. Als ich im „altonae 21“ Programmheft vor mich hinblätterte, stieß ich auf ein interessantes Projekt.

Die in Hamburg lebende Sound- und Performance-Künstlerin Louise Vind Nielsen (geb. 1984, Dänemark) widmet sich in einem Kunstprojekt dem Stimmenhören. Dabei arbeitet sie im Rahmen performativer Workshops mit Menschen zusammen, die Stimmen hören. Mit Hilfe von Film-, Performance- und Tonarbeiten versucht Nielssen, die Menschen dabei zu unterstützen, dem Stimmenhören künstlerisch Ausdruck zu verleihen. Die Künstlerin und die mitwirkenden Stimmen hörenden Menschen präsentieren am 11. Juni um 19.30h in der Alfred Schnittke Akademie (Max-Brauer-Allee 24, Hamburg, louisevindnielsen.net) einen gemeinsamen Film und stehen im Anschluss für ein Gespräch zur Verfügung. Meines Erachtens sind künstlerische Projekte mit Betroffenen und Interessierten eine Möglichkeit, Stigmatisierung psychischer Symptome wie dem Stimmenhören zu begegnen.

Mein Name ist Emilia von Freud, Gesellschaftsdetektivin.

Moment mal, habe ich mich eigentlich schon vorgestellt? Ach, wie unachtsam von mir. Mein Name ist Emilia von Freud, Gesellschaftsdetektivin. Ja richtig, Gesellschaftsdetektivin. Tatsächlich stehen bisher die Lösungen so manch kniffliger Kriminalfälle sowie ethischer Dilemmata in meiner Vita. Denn Recherchieren und Schlussfolgerungen ziehen sind meine Expertisen. Als das Team von MBF (Mind-Brain Forum) an meine Tür klopfte und mich um Unterstützung bat, musste ich nicht lange nachdenken und sagte zu. An Lösungswegen aus der Stigmatisierung war bisher nie jemand interessiert. Zumindest keine zahlungskräftigen Kunden. Nun ist es nicht so, dass mich das MBF-Team in goldenen Talern bezahlen würde. Ich arbeite in diesem Fall ehrenamtlich. Weil ich die Anfrage gesellschaftlich bedeutend finde. Bei meinen Recherchen bediene ich mich dem Instrument der einigen LeserInnen möglicherweise geläufigen Anamnese. Eigentlich zielt eine Anamnese auf die Befragung von medizinisch bedeutsamen Informationen durch fachlich geschultes Personal ab. Nun bin ich keine Ärztin und meine Interviewpartner sind nicht meine Patienten. Aber ich bediene mich aus der Werkzeugkiste der Ärzteschaft, um ein Bild von meinem Gegenüber zu erhalten. Worauf reagiert er allergisch? Wie ist er aufgewachsen? Welchen Einfluss hat die Biographie auf den Weg, den er eingeschlagen hat? Aus meinen durch die gesellschaftliche Anamnese gewonnenen Informationen versuche ich Lösungsstrategien herauszuarbeiten, wie man der Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen wirksam begegnen könnte. Wollen wir beginnen?

Stigma (griechisch Wundmal, Stich) eine „unerwünschte Andersheit gegenüber dem“ zu verstehen ist, „was wir erwartet hätten“.

Zunächst einmal möchte ich den Begriff der Stigmatisierung einmal genauer unter die Lupe nehmen. Der größten Online-Enzyklopädie ist zu entnehmen, dass als Stigma (griechisch Wundmal, Stich) eine „unerwünschte Andersheit gegenüber dem“ zu verstehen ist, „was wir erwartet hätten“. Dabei meint Stigma eine „Verallgemeinerung einer spezifischen Handlung oder Eigenheit einer Person auf deren Gesamtcharakter“. Durch das Zuschreiben von Eigenschaften und Merkmalen, die eine Person abwerten, wird auf eine ganze Person geschlossen, was leicht zu deren Ausgrenzung führen kann.

Nun kann eine Gesellschaft gemeinsam Probleme lösen aber auch verbergen. Was grundsätzlich beobachtet werden kann, ist, dass stigmatisierende Themen lieber unter den Teppich gekehrt werden. Wie kann das aber mit psychiatrischen Erkrankungen möglich sein, wenn doch statistisch jeder dritte Mensch im Leben einmal selbst betroffen ist? Ich möchte dieser Frage in den gesellschaftlichen Mikrokosmen, die meine Aufmerksamkeit erregen, auf den Grund gehen.

Trotz meines leicht fortgeschrittenen Alters bin ich noch immer eine begeisterte Fußballspielerin. Daher habe ich mich gefragt: Gibt es denn im professionellen Fußballsport eigentlich Betroffene? Und tatsächlich sind Sebastian Deisler (Depression, spielte u.a. bei Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC Berlin und Bayern München), Robert Enke (Depression, spielte u.a. bei Hannover 96) und Ralf Rangnick (Depression, Trainer und Sportdirektor bei RB Leipzig, trainierte ehemals u.a. Schalke 04) die einzigen Namen im deutschen Profifußball, mit denen man psychisches Leid in Verbindung bringen kann. Die hiesige Presselandschaft scheint größtenteils zu schweigen, genauso wie die Protagonisten im professionellen Frauen- und Herrenfußball. Eine viel beachtete Dokumentation der BBC (siehe unten) hat sich zur Aufgabe gemacht, aufzuzeigen, wieso es der Fußballgemeinde schwer fällt, über psychische Erkrankungen zu sprechen. Dabei geben Prinz William, Englands Nationaltrainer Gereth Southgate, Nationalspieler Danny Rose, die ehemaligen Nationalspieler Peter Crouch und Thierry Henry unter dem Titel „A Royal Team Talk – Tackling Mental Health“ Einblicke in ihre eigenen Erfahrungen. Gereth Southgate erzählt z.B., wie er sich tagelang in seinem Haus vergraben habe, nachdem er im EM-Halbfinale gegen Deutschland einen Elfmeter gegen Andreas Köpke verschossen hatte.


Dokumentationen können ein Mittel sein, um sich dem Problem der Stigmatisierung zu widmen. Wann wird wohl die erste Dokumentation dieser Art hierzulande ausgestrahlt werden? Als ich während der Doku die Outfits der Protagonisten betrachtete, stellte sich mir eine weitere Frage: Kann man eine Gesellschaft eigentlich besser verstehen, wenn man ihre Kleidung studiert? Kann Kleidung stigmatisieren oder gar im Kampf gegen Stigmatisierung unterstützend sein?

Dabei fiel mir sogleich der Name Martina Offeh ein. Als Kreativdirektorin und Gründerin des Modelabels „Ashes and Soil“ hat sie sich zum Ziel gesetzt, alltägliche und außergewöhnliche Geschichten durch Mode zu erzählen. Die erste Herbstkollektion trägt den Namen „Introspection“. Es werden die Geschichten von 8 Menschen erzählt, die psychisches Leid erfahren haben und ihre Erlebnisse mit Stigmatisierung und Ablehnung teilen wollen. Unter anderem ist das Innenfutter von 8 Jacken mit illustrierten Porträts der Betroffenen bedruckt, ein integrierter Textaufdruck gibt Aufschluss über ihre individuellen Geschichten. Eine hoch spannende Idee, wie ich finde, um Aufmerksamkeit für Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischem Leid in unserer Gesellschaft herzustellen und etwas zu verändern. Schon das Märchen „des Kaisers neue Kleider“ deutet an, welche Macht Kleidung auf Menschen auszuüben vermag. Die nie abebbende Diskussion um Schuluniformen und immer wieder aufflammende Frage nach einheitlicher Kleidung von PatientInnen oder einheitlicher Kleidung von MitarbeiterInnen psychiatrischer Einrichtungen unterstreicht die Aktualität der Kleiderfrage.

Ich habe die Ehre, in unserem ersten Interview der Beitragsreihe „Anamnese – ein Gesellschaftsporträt“ mit Kreativdirektorin Martina Offeh über Stigmatisierung, Kleidung sowie ihre neue Kollektion zu sprechen und Auszüge unseres Gesprächs zu veröffentlichen. Gerne möchte ich mit dem Video „Mensch: irre!“ – eine Antistigma-Kampagne der AWO Augsburg auf mein Schwerpunktthema einstimmen.


In Großer Vorfreude.


Ihre Emilia von Freud



Quellen

  1. Wikipedia

  2. Psychenet.de

  3. Altonale 2019

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